Angst und Unsicherheit werden den Widerstand in der Türkei nicht brechen

Es brauchte mehrere Versuche, bis das Gespräch mit, nennen wir ihn, Ahmed zustande kam. Vor einem halben Jahr wurde Ahmed als Lehrer und Schulleiter suspendiert, ein Strafverfahren gegen ihn ist hängig und trotzdem ist er weiterhin in der LehrerInnenge- werkschaft Egitim Sen aktiv. Er ist vorsichtig, denn die Lage in der Türkei und speziell in Nordkurdistan, wo er lebt, ist von Repression und Willkür geprägt.

Wie viele seiner KollegInnen hatte Ahmed an friedlichen Demonstrationen teilgenommen. Eine richtete sich gegen das Attentat vom Sommer 2015 in Suruç, bei dem 33 junge Menschen getötet worden waren. Sie wollten sich mit den Menschen im umkämpften Kobanê solidarisch zeigen. Eine andere forderte Frieden in Nordkurdistan, nachdem das türkische Militär 2015 begann, wieder mit Gewalt im Gebiet zu operieren.

Es hat Ahmed nicht überrascht, dass nach dem Putschversuch 2016 die Unterdrückung der linken, pro-kurdischen Gewerkschaften wie Egitim Sen nochmals zugenommen hat. Nochmals, weil die Repression schon vorher gross war: KollegInnen wurden versetzt oder verhaftet. Er selbst erhielt von seinen Vorgesetzten so schlechte Quali kationen, dass er nach neun Jahren seine Stelle als Schulleiter verlor. Den wahren Grund sieht Ahmed in seiner Gewerkschaftstätigkeit. Präsident Erdogan habe die Gewerkschaften der öffentlichen Angestellten als Eckpfeiler der Solidarität zwischen der Linken und den Kurden bezeichnet. Damit ist Egitim Sen, wie alle andern linken und pro-kurdischen Gewerkschaften, zu einer doppelten Zielscheibe geworden.

Zehntausende meiner Kolleginnen und Kollegen sind wie ich suspendiert, fährt Ahmed fort. Strafverfahren gegen sie sind eröffnet worden oder können jederzeit noch erfolgen. Letztlich ist die Entlassung aller Suspendierten praktisch bereits besiegelt. Angst und Unsicherheit sollen jeden Widerstand brechen. Die linken Gewerkschaften be nden sich darob zusammen mit den prokurdischen Kräften in einer extrem schwierigen Phase, ist Ahmed überzeugt. Doch der Widerstand wird weitergehen und hoffentlich können wir dabei auf grosse Solidarität von euch zählen, schliesst Ahmed.


«Stopp der Hexenjagd!» Protestierende LehrerInnen vor dem Erziehungs- ministerium. Foto: Egitim Sen

«Stopp der Hexenjagd!» Protestierende LehrerInnen vor dem Erziehungs- ministerium. Foto: Egitim Sen

Sandro Covo